Donnerstag, 3. Dezember 2009

Zusammenfassung: Ringvorlesung zur Bürgerlichen Öffentlichkeit

Bürgerliche Öffentlichkeit, ihre Erosion und Formen von Gegenöffentlichkeit

Dr. Alexander Jungmann

"Politik ist die Kunst, Menschen daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht", Paul Valéry
Tel Quel 2 (1943)
"Was alle angeht, müssen auch alle beraten können."
Zum Inhalt


Einleitung

Öffentlichkeit ist eine Zentralkategorie bürgerlicher Gesellschaften. Dies gilt auch noch für heutige westliche industriekapitalistische Wissensgesellschaften. Bürger, die sich persönlich qua großer Anzahl nicht mehr kennen können, können sich nur noch über den Prozess der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung verständigen; ob auf Marktplätzen, über Zeitungen, Internetforen, Demonstrationen oder den Hörsaal 1. Tatsächlich – und das ist der Hintergrund meines Referats – befinden wir uns bereits seit längerem in einer Phase des Niedergangs von Öffentlichkeiten. Wohin das führen kann, erleben wir in Italien unter Silvio Berlusconi.
Narrative eines Niedergangs der Öffentlichkeit lassen sich vor allem in den 60er und 70er Jahren des 20. Jh. finden; gerade damals trugen sie nicht unerheblich zu den uns geläufigen Abendrot(h)-Metaphern gesellschaftlichen Wandels wie 'spätbürgerlich' und 'spätkapitalistisch' bei. Auffallend ist im Rückblick, dass seit den Tagen der freiwilligen Gleichschaltung der Medien im deutschen Herbst 1977 sowie der anschließenden gegenkulturellen Blüte bis Mitte der 80er Jahre und deren Niedergang der Öffentlichkeitsbegriff Stück für Stück aus dem Fokus eher an den Rand gesellschaftskritischer Verlautbarungen gewandert ist – was ich bedauere. Und in der ersten Hälfte unseres Jahrzehnts konnte man sogar oberflächlich den Eindruck gewinnen, dass im Zeitalter der modernen elektronischen Medien eine Vielfalt neuer Teilöffentlichkeiten am Entstehen sei, die dem Verfall von Öffentlichkeit entgegenstünden. Die im postmodernen Jargon beliebten Netzwerk-Metaphern taten dabei ihr übriges: Nach dem Motto: 'Jeder kann mit jedem überall und zu jeder Zeit.'

Dem gegenüber gerieten erst in den letzten Jahren wieder Aspekte der Einschränkung und Bedrohung von Öffentlichkeit in den Blickpunkt und zwar im Zuge der
Debatten um staatliche Zensur im Zeichen der Terrorismus- und Kinderpornographie-Bekämpfung sowie im Zusammenhang mit aktuellen Diskussionen um open access und Copyright. Als sichtbarer Ausdruck einer wachsender Kritik an der Einschränkung von Öffentlichkeit können hierzulande die Gründungen des AK Vorratsdatenspeicherung (AK Vorrat) 2005, der deutschen Sektion der Piratenpartei 2006 und jüngst des AK Zensur im Frühjahr 2009 gewertet werden.

Ausgangspunkt meines Vortrags ist eine Doppelthese:
  1. Ggenkulturelle kritische Köpfe hierzulande – zu denen ich euch, die HS-1 Besetzter zähle – laufen gegenwärtig Gefahr, sich in den absolut notwendigen Einzel-Baustellen der Verteidigung und Ausweitung von Öffentlichkeit zu separieren. Dabei unterbleibt eine aus möglichst vielen Blickwinkeln zusammengesetzte Deutung des gesamtgesellschaftlichen Zusammenhangs und damit die Gewinnung einer Perspektive für notwendige gesamtgesellschaft liche Veränderungen.
  2. Dabei wird übersehen, dass es vor mittlerweile 30 bis über 40 Jahren bereits einige außerordentlich fundierte kritische Analysen des damaligen allgemeinen Verfalls von Öffentlichkeit gab, an die es aber um so mehr anzuknüpfen, die es weiterzuspinnen gilt.

Einen kleinen Impuls dafür, dass die aufmüpfigen Studierenden einen öffentlichkeitswirksame und -kritische Perspektive entwickeln, möchte ich hier heute leisten.

Definitionen und historischer Hintergrund

In meinen Ausführungen orientiere ich mich vor allem an drei Klassikern der Kritik an des Niedergangs von Öffentlichkeit, und zwar an dem Soziologen Hans Paul Bahrdt: "Die modernen Großstadt", dem Soziologen/Sozialphilosophen Jürgen Habermas. "Strukturwandel und Öffentlichkeit" sowie Soziologen/Historiker und Kulturphilo sophen Richard Sennett: "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens". Zunächst halte ich es für sinnvoll, meinen Gegenstand, also 'Öffentlichkeit' und als ihr Pendant
'Privatheit' zu definieren sowie einige Hinweise auf die historische Entstehung von 'Privatheit' und Öffentlichkeit' bzw. der 'privaten' und 'öffentlichen Sphäre' zu liefern.
Die ursprünglichsten Bedeutungen von 'öffentlich' können mit den Definitionen von Hans Paul Bahrdt und Richard Sennett kenntlich werden:
  • Nach Bahrdt sollen die Themen sein öffentlich, "die alle angehen, privat jene, die nur den jeweiligen individuellen oder Kleingruppenbereich betreffen." (37)
  • Ähnlich definiert auch Sennett Öffentlichkeit (und damit im Umkehrschluss
    Privatheit) als die Beziehungen und das Geflecht von „Verpflichtungen
    zwischen Leuten, die nicht durch Familienbande oder andere persönliche
    Beziehungen wechselseitig miteinander verknüpft sind“ (22)
  • Leider haben wir es heute mit einer Anzahl z. T. geradezu widersprüchlicher Bedeutungsebenen des Begriffs 'öffentlich' zu tun. So zeigt Jürgen Habermas an Hand des Aspekts der Offenheit, im Sinne von Zugänglichkeit, die historisch bedingte Ausdifferenzierung der Bedeutung von Öffentlichkeit auf: Zunächst definiert er im Sinne der o. g. Bestimmungen: "'Öffentlich' nennen wir Veranstaltungen, wenn sie im Gegensatz zu geschlossenen Gesellschaften, allen zugänglich sind – so wie wir von öffentlichen Plätzen sprechen oder von öffentlichen Häusern." (13) Hier nun erwähnt Habermas "öffentliche Gebäude", die durchaus nicht immer der Öffentlichkeit zugänglich sind (Polizeistationen, Kasernen, viele Behörden). Hier ist offensichtlich eine ganz andere Bedeutungsebene von 'öffentlich' gemeint, nämlich im Sinne von 'staatlich'. Wir haben es offenbar heute mit mindestens zwei zentralen Arten von Öffentlichkeit zu tun.
Auf Grund der sich in den Beispielen zeigenden historischen Ausdifferenzierung versuche ich im Weiteren einen historischen Abriss des Begriffs Öffentlichkeit.

Antike
All unsere Definitionen von Öffentlichkeit gehen in letzter Konsequenz auf die Polis der griechische Antike zurück, in der die öffentliche Sphäre noch als Einheit von der privaten Sphäre klar unterschieden war:
Nach Aristoteles liegt die Wesensbestimmung des Menschen i. S. des freien Bürgers (im Unterschied zu Frauen, Kindern und Sklaven) einerseits darin, dass er ein Zoon logon echon, ein sprachbefähigtes Lebewesen ist. Andererseits liegt dessen Bestimmung aber darin, dass er ein Zoon politikon, ein soziales, auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen ist. Das soziale Leben der Polis ist aber die Öffentlichkeit existierendes Lebewesen. Das öffentliche Leben (bios
politikos) spielt sich primär auf dem Marktplatz (agora) ab. Grundlage für das öffentliche Leben ist aber die Autonomie des freien Bürgers als Herr des Hauses (oikos) über Familie und Hauswirtschaft (oikonomia). Von der intimen Privatheit war die antike allerdings noch weit entfernt. (101) Nach Bahrdt besteht die Tendenz städtischen Lebens darin, sich zu polarisieren, entweder in die öffentliche oder in die private Sphäre, die in einem engen Wechselverhältnis zueinander stehen, ohne ihre Polarität zu verlieren. (83) Seiner Meinung nach ist mit Bezug auf M. Weber der Markt sowohl räumlich als Marktplatz wie auch ökonomisch als Austausch von Wahren die frühste Form von Öffentlichkeit. è Ein Merkmal des Marktes und negative Voraussetzung für Öffentlichkeit ist die unvollständige Integration in Unterschied zu einem geschlossenen System: Es bleibt den Absichten der Einzelnen überlassen, "mit wem, auf welche Weise und wie lange sie Kontakt aufnehmen, um zu handeln." (Bahrdt 86) è Unmittelbare Kontaktaufnahme wird möglich zwischen Menschen, die sich nicht kennen. Aus dem Markthandeln geht im antiken Athen das gemeinschaftliche politische Handeln (Praxis), das Modell der ältesten Demokratie hervor. Alle außerhäußlichen Angelegenheiten in der Stadt werden nun zu öffentlichen Angelegenheiten, die in der attischen direkten Demokratie der Regelbarkeit und Kontrolle durch die Öffentlichkeit der männlichen Stadtbürgerschaft unterstehen.

Mittelalter und Feudalgesellschaft
Im Gegensatz zur Antike waren in den Feudalgesellschaften des frühen Mittelalters 'privat' und 'öffentlich' wenig geschieden è Großhaushalte von geistlichen oder weltlichen Grundherren. Ohne dass es eine eigentliche Öffentlichkeit in der ständischen Gesellschaft gäbe verkörpern sie die öffentliche Gewalt, also die Herrschaft über die Allgemeinheit. Die Herrscher und die höfische Gesellschaft insgesamt bilden eine repräsentative Öffentlichkeit (sie repräsentieren ihre Herrschaft gegenüber dem Volk).
Mit dem Wachsen der Ansiedlungen außerhalb des Herrscherhofs entsteht aus freien Kaufleuten, Handwerkerzünften, wandernden Handwerksgesellen sowie jüdischer Bewohnerschaft nun aber etwas Neues, eine sich von den weltlichen und geistlichen Grundherren sukzessive emanzipierende Stadtbürgerschaft. Diese schafft sich Stück für Stück eine Selbstverwaltung. (Rathäuser). Bezeichnenderweise gehen diese oft durch Umbauten aus größeren Handelshäusern am Marktplatz hervor. Auch hierbei zeigt Bahrdt, dass gerade die unvollständige Integration der Bürger ihnen eine Verbrüderung jenseits von Verwandtschaft (Handel, Heiraten, Tischgemeinschaften) ermöglicht. Vor allem in den mitteleuropäischen und norditalienischen Bürgerstädten des Hochmittelalters lebt nun eine Stadtbürgerschaft, die erstmals seit der Antike wieder in klar unterscheidbaren 'privaten' und 'öffentlichen Sphären' lebt und eine Autonomie gegenüber der Herrschaft beansprucht: Sein privates Reich sind die Familie und das Geschäft. Märkte, Gerichte und Ratsversammlungen die Orte der Öffentlichkeit. In dieser Zeit liegen auch die Wurzeln unseres missverständlichen Begriffs
Privatwirtschaft: Der klassische Bürger produziert in seiner Werkstatt privat für den öffentlichen Markt.

Bürgerliche Gesellschaft
Die sich seit dem 17. Jahrhundert herausbildende bürgerliche Gesellschaft weist bezogen auf die öffentliche und private Sphäre eine doppelte fundamentale Trennung auf: So entstehen die modernen Territorialstaaten, in denen aus der spätfeudalen höfischen Gesellschaft die eine Sphäre von Öffentlichkeit hervorgeht è der Staat als Sphäre der öffentlicher Gewalt (er ist zuständig für das öffentliche, gemeinsame Wohl aller Rechtsgenossen => Gewaltmonopol des Staates; Hab.14). Als erste Trennung steht nun dem modernen Staat die Gesellschaft entgegen, die sich zunächst als die mit Bürgerrechten ausgestatteten Privatleute versteht. In der weiteren Ausdifferenzierung spaltet sich der Bereich der Privatleute in den kleinfamiliaren intimen Binnenraum sowie im Weiteren in der Privatsphäre entspringende Teilöffentlichkeiten auf.
Im Übergang von Mittelalter zur Renaissance kommt es zu einer Zunahme der häuslichen Privatheit, wie sie in der Antike und im Mittelalter noch nicht denkbar war. Hierauf verweisen eine frühbürgerliche Wohnkultur, die Freiheit der Partnerwahl, das Ausleben von Erotik und Sexualität in intimen Beziehungen, ein von der Kirche relativ unabhängiges privates religiöses Leben im Frühprotestantismus sowie der Privat besitz von Bildungsmitteln. Das Augsburg der Renaissance gibt hierfür ein hervorragendes Beispiel ab.
Gleichzeitig entstehen in engem Wechselverhältnis hierzu Frühformen bürgerlicher Öffentlichkeit. Habermas definiert bürgerliche Öffentlichkeit "als die Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute". (42) Es sind drei Bereiche bürgerlicher Öffentlichkeit, die von nun zwischen der intimen kleinfamiliaren Privatheit als ihrem eigent lichen Herkunftsort und der öffentlichen Macht des spätfeudalen und frühbürgerlichen Staates stehen und sich seit dem 16. Jahrhundert bis heute ausgeweitet haben.
  • So wird der Bereich der Privatwirtschaft aus dem Haus verbannt und bildet die merkantile und produktive Basis des sich aus ihr heraus entwickelnden auf Privatbesitz und Lohnarbeit fußenden Privatkapitalismus;
  • Es bildet sich eine sog. literarische Öffentlichkeit heraus. Eine bürgerliche Kultur, im Engeren ihre Literatur, sind der Ort, an dem sich erstmals das bürgerliche Bewußtsein des Humanen (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) ausbilden kann. Habermas hat sie im SdÖ treffend skizziert; insbesondere Salons
    (ursprünglich im Privathaus!), Clubs, Gesellschaften und Logen (Freimaurer, Illuminaten), aber auch das öffentliche Theater im Unterschied zum höfischen; schließlich ist das Pressewesen zu nennen, die Frühform der heutigen
    Mediengesellschaft.
  • Aus der literarischen erwächst von England ausgehend schließlich eine
    politische Öffentlichkeit, die sich um Presseorgane und in politischen Parteien formiert.

Von nun an wird also die öffentliche Bühne von zwei Seiten bespielt, die in den antiken Stadtstaaten des antiken Griechenland noch deckungsgleich waren: Einerseits der Staat, als öffentliche Gewalt oder Hand und auf der anderen Seite das öffentliche Handeln von Privatpersonen in der Wirtschaft, in Kultur und Politik.
Höhepunkt der bürgerlichen Öffentlichkeit war das lange 19. Jahrhundert zwischen Französischer Revolution und Erstem Weltkrieg, das eigentliche bürgerliche Zeitalter. Indieser Zeit werden die bürgerlichen Grundfreiheiten (Meinung, Versammlung,
Presse) in Revolutionen und über Reformen erkämpft. Hierzu zählt auch die Wissenschaftsfreiheit (Art. 5 Abs. 3 GG). Die meisten uns heute bekannten Organe und
Institutionen der bürgerlichen Öffentlichkeit entstehen in dieser Zeit (Presse/
Medienhäuser, Parteien/Parlamente).

Erosion der Öffentlichkeit

Als weiteren Punkt meiner Ausführungen möchte ich einige Aspekte des Verfalls der Öffentlichkeit aufzeigen, wie sie insbesondere von Bahrdt, Habermas und Sennett vertreten wurden und werden und um einige eigene Gedanken anreichern:
Den von mir genannten Autoren ist gemeinsam, dass sie von längerfristigen Verfallserscheinungen der Öffentlichkeit ausgehen, die ins 19. Jahrhundert zurückreichen und ihre Wurzeln im Übergang von der liberal-bürgerlichen Ära zur industriekapitalistischen Gesellschaft haben.
  • 1. Zentralthese: Ich habe sie von Habermas gesamtgesellschaftlich und ähnlich von Bahrdt für die Ebene der Stadt übernommen. Sie betrifft das Verhältnis der Bereiche staatlicher bzw. kommunaler Öffentlichkeit einerseits und
    privatkapitalistischer Wirtschaft andererseits. Sie lautet, dass sich im klassischen Industriekapitalismus – und ich ergänze – noch mehr im heutigen kommunikationstechnologischen Kapitalismus "staatliche und gesellschaft liche Institutionen zu einem einzigen, nach Kriterien des Öffentlichen und
    Privaten nicht länger mehr zu differenzierenden Funktionszusammenhang zusammenschließen." (Hab. 180) è mit einer wechselseitigen Vergesellschaftung des Staates und Verstaatlichung der Gesellschaft unter kapitalistischen Bedingungen kommt es zur Herausbildung einer weder genuin öffentlichen noch einer rein privaten Sphäre. (183)
    Dies möchte ich zunächst für die Seite der Privatwirtschaft illustrieren. Diese bringt zwischen dem ausgehenden 19. und dem ausgehenden 20. Jahrhundert als sog. Privatkapitalismus industrielle Großkonzernen hervor, die eine quasi öffentliche
    Bedeutung im Sinne staatlicher Öffentlichkeit annehmen.


    • So befinden sich kapitalistische Großbetriebe und Konzerne in 'privater Hand', aber erfüllen öffentliche Aufgaben und tangieren öffentliche Interessen (insb. durch den Umfang der Produktion, des Energie- und Rohstoffverbrauchs, der Arbeitsplätze, des Steueraufkommens sowie den Raumbedarf der Werkanlagen). Eine besonders hybride Form quasi-öffentlicher Betriebe in privater Hand stellen die großen Rüstungs- und Energiekonzerne und hier insbesondere die Atomwirtschaft da. Robert Jungk sprach vor über 30 Jahren in diesem Zusammenhang schon vor über 30 Jahren vom demokratiefeindlichen Atomstaat. Beispiele aus der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise stellen Banken als sog. systemrelevante Unternehmen dar.
    • Es entstehen immer größerer Konzerne, häufig privatwirtschaftliche bürokratische Gebilde, gerade in ihren Machtstrukturen nicht minder anonym wie staatliche Bürokratien (Unternehmensverwaltungen, Versicherungen und Banken) (Bahrdt 35). In ihnen ist die abhängige Beschäftigung als Arbeiter und Angestellte entprivatisiert, ohne öffentlich zu werden. (39 f.)
    • Die andere Seite des Funktionszusammenhangs zwischen privater Wirtschaft und Staat bzw. öffentlicher Hand ist das Agieren der staatlichen Seite:
      Der immer schlankere Staat wie auch die Kommunen übertragen immer mehr öffentliche Aufgaben auf Unternehmungen, Anstalten, Körperschaften sowie halbamtliche Geschäftsträger privaten Rechts. (183) Neben den traditionellen Bereichen wie Rüstung und Energie (s. o.) sind im Zuge der neoliberalen Deregulierung in den letzten 30 Jahren bislang ungeahnte Privatisierungen uröffentlicher Bereiche wie Krankenhäuser, Verkehrsinfrastruktur, militärische und polizeiliche Aufgaben, Schwimmbäder, Schulen und last but not least Hochschulen hinzugekommen. Sogar die älteste öffentliche Sphäre, der öffentliche Stadtraum wird mit sog. 'Gated Communities', privaten Malls und Passagen sowie privatem Wachpersonal entöffentlicht.
    • Hinter den o. g. Privatisierungen steht häufig ein umfassenderes Motiv:
      die Ausrichtung nahezu aller öffentlicher Einrichtungen und Bereiche wie Gesundheit, Erziehung und Bildung nach globalen, privatkapitalistischen Gesichtspunkten; insbesondere solchen der Effizienz und des Gewinns. Der uns nur zu bekannte Bologna-Prozess und seine Auswirkungen ist hierbei nur ein kleiner, wenn auch folgenreicher Baustein. An die Stelle diskursiver Assoziationen des altmodischen Begriffs 'Universität' (ja Unis waren immer wieder Labore entstehender gesellschaftsverändernder Öffentlichkeiten è 1848, 1968) treten elitäre Leistungslabel der Hoch-Schule: quadratisch, best practice und vor allem exzellent und konkurrent.

  • 2. Zentralthese: Sie betrifft den Zusammenhang zwischen demokratischer und staatlicher Öffentlichkeit (also der von unten ausgehenden Öffentlichkeit im Verhältnis zu der von oben): Durch das Verschmelzen von staatsbürger licher und staatlicher Öffentlichkeit wird demokratische Öffentlichkeit zerstört, an deren Stelle eine sog. Pseudoöffentlichkeit entsteht, die schon Bahrdt definiert hat: "Wo wesentliche Themen, die für alle von Bedeutung sind, dem Einblick und dem Eingriff aller entzogen sind, wo die wichtigen Ereignisse hinter den Kulissen geschehen, sprechen wir nicht von Öffentlichkeit, bzw. reden wir von Pseudoöffentlichkeit." (Bahrdt 37)


    • Waren politische Parteien in den sog. parlamentarischen Demokratien
      ursprünglich Instrumente einer sich über sie artikulierenden politischen Öffentlichkeit, wachen diese immer mehr mit Organen der öffentlichen Gewalt zusammen. Es entsteht ein immer mächtigeres pseudoöffentliches und pseudodemokratisches Amalgam von Staatsparteien und Verwaltungsbürokratien. An die Stelle der Menschen aus der Normalbevölkerung treten in den Parlamenten immer mehr SachbearbeiterInnen; TechnokratInnen und SpezialistInnen für irgend etwas è Verwaltugssprache è Politikverdrossenheit.
    • Dabei kommt zu einer schleichenden Positionsschwächung des Parlaments (Hab. 235), da die Parlamentarier immer mehr von ihrer Unabhängigkeit einbüßen (Weisungsgebundenheit trotz formaler Gewissensfreiheit). Tendenziell kontrollieren die Parlamentarier immer weniger die Regierung, vielmehr diszipliniert die Regierung (lies: Regierungsbeteiligung) die Fraktionen der Koalition, die Fraktionsvorsitzende wiederum disziplinieren deren Abgeordneten. – Die Oppositionsparteien gleichen sich als Regierungsparteien im Wartestand diesen Mechanismen an.
    • Bereits vor über 40 Jahren sprach Habermas von der inoffizielle Mitwirkung sowie Machtübertragung an Verbände: Demnach verfügen diese nicht trotz, sondern wegen ihres privaten Charakters über weitgehende Macht: Sie können öffentliche Meinung manipulieren, ohne sich von ihr selbst kontrollieren lassen zu müssen. (Hab. 238)
    • Seit Jahrzehnten erleben wir eine Schwächung und Aushöhlung der kommunalen Selbstverwaltung zu Gunsten der staatlichen und überstaatlichen Ebene. Dabei kann auf kommunaler Ebene noch am ehesten direkte Demokratie gelebt werden. (Bahrdt 34 f.)
    • Zwar leben mehr denn je Menschen in Städten, trotzdem hat das Verschwinden von Berufen im öffentlichen Raum (insb. Handwerker und Händler) dazu geführt, dass wir heute Städter, aber keine in der städtischen Öffentlichkeit agierende Stadtbürger mehr sind. Streikende Schüler und Studierende sind hierbei einen zeitweilige Ausnahme!

  • 3. Zentralthese: Sie betrifft die Medien und die Kulturindustrie. Vorhin referierte ich über die originäre Bedeutung der literarischen Öffentlichkeit für die Herausbildung der bürgerlich-demokratische im 19. Jahrhundert. Entsprechend der Kulturindustriethese von Horkheimer und Adorno (1944), bei Habermas 1962 – und wie ich wieder finde heutzutage um so mehr – ist an die Stelle einer diskursiven literarischen Öffentlichkeit der pseudoöffentliche und scheinprivate Bereich des Kulturkonsums getreten; (Hab. 193) im Einzelnen:


    • Auf die Gefahr hin kritisches Allgemeingut zu wiederholen: Wenn aus Kultur in privatwirtschaftlichen Medien massenmediale Ware wird, dann überlagert das Profitstreben den Auftrag der Bildung von Öffentlichkeit (im doppelten Sinne). Stichworte sind hier Kommerzialisierung, Manipulation, Konzernbildung (s. o.) und Medienkonzentration bis hin zur Verschmelzung mit politischer Macht (Berlusconi).
    • Bei den öffentlich-rechtlicher Medien erleben wir ebenfalls (wie etwa im
      Bereich Bildung und Gesundheitssystem; s. o.), dass sich diese traditionellen Schnittstelle zwischen den Sphären staatlicher und demokratischer Öffentlichkeit dem zuvor genannten privatkapitalistischen Mainstream angleichen; mit all deren öffentlichkeitsfeindlichen Tendenzen.
    • Auch wenn neue Medien, vorzugsweise das Internet, ungeahnte Interaktionsmöglichkeiten eröffnen, besteht die Gefahr der Dominanz kommerzieller Angebote, dass auch hier, ähnlich zum TV, konsumistische Passivität und Vereinsamung an die Stelle der Partizipation an medial kommunizierender Teilöffentlichkeiten tritt (etwa bei bildungsfernen Kreisen mit geringer Medienkompetenz). Sennett spricht vom elektronisch befestigten Schweigen.
    • Schließlich wachsen in Zeiten von Al-Qaida und Kinderpornographie die Gefahren der Zensur von medial vermittelter Öffentlichkeiten. Das gleiche gilt für den übermächtigen Einfluss der Staatsparteien. So soll bspw. am Freitag, also morgen das ZDF, wenn es nach dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch geht, die Zusammenarbeit mit seinem Chefredakteur Nikolaus Brender beenden. Brender zeichnet aus, was für einen guten Journalisten selbstverständlich sein sollte: Er ist überparteilich, unabhängig und unbequem. Die im Grundgesetz garantierte Rundfunkfreiheit beinhaltet auch die Freiheit vom Einfluss des Staates. Um diese zu verteidigen, haben 35 renommierte Verfassungsrechtler einen Offenen Brief an den ZDF-Verwaltungsrat verfasst.
    Richard Sennett stellt über alles Gesagte hinaus noch die 'Tyrannei des Privaten' fest: D. h. der allgemeine Verfall von Öffentlichkeit geht mit einer geistlosen Ver wischung der Sphären privat und öffentlich einher. Das Geplapper und die Pseudovertrautheit von Chats, TV-Shows und Club-Urlauben ist nicht Ausdruck eines Mehr, sondern eines Verlusts von Öffentlichkeit, in der es primär darum ginge, Gesellschaft und nicht intime Pseudo-Gemeinschaft zu leben und zu gestalten.


4. Gegenöffentlichkeit

Damit wir angesichts meiner erdrückenden 'Alles-wird-schlechter-Liste' nicht depressiv werden, zuletzt noch ein paar Gedanken zu bestehenden und künftigen Heilmitteln. Wie ihr wisst, gehen die etablierten Medien mit euch Studierenden im Moment echt freundlich um, sekundiert von PolitikerInnen die sich unaufgefordert für die Hinweise auf "technische Mängel in der Umsetzung des Bologna-Prozesses" (Schavan) bedanken. Allerdings denke ich, dass sich dies unter zwei Bedingungen rasch ändern könnte: Entweder der Widerstand ebbt ab (ihr werdet ignoriert) oder er fordert Alternativen zum bestehenden Hochschulsystem und schließt sich mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zusammen (ihr werdet angegriffen). Für jede soziale Bewegung ist es daher auch und gerade in parlamentarischen-demokratischen Staaten sinnvoll, Foren und Formen der eigenen Öffentlichkeit zu schaffen, ohne die sie nicht gestaltend eingreifen kann. Gegenöffentlichkeit taucht als Begriff erstmals im Zusammenhang mit der APO (Außerparlamentarische Opposition) auf, als es darum ging, der herrschenden staatlichen/bürgerlichen wie kapitalistischen Öffentlichkeit, symbolisiert durch Springers BILD, etwas entgegenzusetzen. Jedoch hat es Gegenöffentlichkeiten mindestens schon immer gegeben (man denke etwa nur an das frühe Christentum). Gemeinsam ist allen Formen von GÖ, dass sie innovativ sein müssen, um sich zu verbreiten. Denn ihnen steht gerade nicht die geballte Medienmacht staatlicher oder privatkapitalistischer Akteure zur Verfügung. Außerdem will man sich von bestehenden Medienangeboten möglichst einprägsam unterscheiden. Daher können zu einer Gegenöffentlichkeit prinzipiell alle kulturelle Praxisformen werden, die man als Außenstehender offen wahrnehmen kann. Häufig werden bestehende Medienformen variiert: etwa Flugis, Transpis, Zeitschriften, Piratensender und Internetseiten, aber – das zeigen gerade Beispiele aus Diktaturen sehr gut – neue Protestformen entwickelt, etwa Graffitis in Diktaturen, Teach-ins der APO oder erst jüngst Häuserdachdemos, Handys und Bloggs im Iran. In besonders monokulturellen Situationen kann prinzipiell fast alles als Teil einer Gegenöffentlichkeit eingesetzt werden – denkt mal an die Sixties: auch Kleidung, Musik, Farben, Sprache, Filme, Haare, Gerüche, Sexualität, Drogen usw. In solchen außergewöhnlichen Phasen entsteht zugleich mit Gegen öffentlichkeiten eine ganze Gegenkultur. Dennoch ist auch diese nicht vor erfolgreichen Vereinnahmungen durch die Kulturindustrie gefeit wie uns das Beispiel Woodstock lehrt! Heute wissen wir, dass außerdem bestimmte innovative Erkennungs codes Bestandteile kreuzbraver Subkulturen sein oder werden können, deren Anhänger alle Welt in Ruhe lassen wollen, wenn sie nur in Ruhe gelassen werden. Ein weiterer etwa bei den Situationisten der 60er Jahre und von diesen durch die APO oder auch die neuen sozialen Bewegungen aufgegriffenen Form von Gegen öffentlichkeit ist das provozierende Schockieren (tote Schweine in der Seine è tote Menschen in Vietnam; nackte Demonstrierende è für nackte Tatsachen oder Die-Ins der Friedensbewegung etwa in Fußgängerzonen. Schließlich besteht die Möglichkeit zur Spaßguerilla. Hier werden bekannte Medienformate (z. B. BILD-Zeitung mit Fakes und Werbeplakate mit Filzstift und Sprech blasen), oder vertraute soziale Situationen (è Demos, Wahlkampfauftritte und öffentliche Gelöbnisse ins absurde geführt (è Clown-Army). Für einen weiteren zentralen Aspekt von Gegenöffentlichkeit halte ich, dass sie sich mit der herrschenden Öffentlichkeit auseinandersetzt, deren Mechanismen analysiert und möglichst vielen Menschen näher bringt. Erlaubt mir nochmal das drastische Beispiel APO-BILD-Zeitung, einen der Höhepunkte von '68. Die Palette reichte von Auslieferungsboykotts über Enteignungsforderungen bis zu satirischen Fakes. Wichtig ist für alle Formen der Gegenöffentlichkeit ist, dass sie phantasievoll, herrschafts- und ein Stückweit selbstkritisch, aggressiv bis charmant und natürlich auf der Höhe der Zeit sind, also an die Mainstream-Kultur anknüpfen und diese zugleich überschreiten. Und nun zu letzt zum Hier und Jetzt. Gut finde ich, dass ihr mit euren deutschland- und europaweiten Uni-Besetzungen über den Protest hinaus zeitweilige Orte der Gegenöffentlichkeit geschaffen habt. Auch die Nutzung etwa des Internets zur Selbstdarstellung ist beeindruckend. Was m. E. noch fehlt ist dreierlei:
  1. Die Vernetzung zwischen jeweiligen Schul- und Uni-Standorten erscheint
    mir noch recht sporadisch. Leute, die an verschiedenen Orten zum gleichen Thema arbeiten, könnten sich z. B. viel stärker verlinken und ihre Power, Phantasie und auch AG-Ergebnisse viel mehr bündeln und landes- oder
    bundesweit publik machen. Dazu würde auch eine künftige Vernetzung mit anderen gesellschaftlichen Gruppen gehören.
  2. An verschieden Unis könnte arbeitsteilig zu verschiedenen Themen gearbeitet werden. Auch hier wäre eine Vernetzung etwa über Studi-Kongresse denkbar.
  3. Schließlich sollte es darum gehen, gegenöffentliche Räume über die Besetztzungen hinaus zu bewahren. Dies könnten ebenso den Uni-Leitungen ab-getrotzte Freiräume wie auf Dauer gestellte eigene Medien sein

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