Mittwoch, 25. November 2009

Zusammenfassung der Ringvorlesung von Prof. Voigt: Wissenschaftsbetrug und Leistungsdruck

Wissenschaftsbetrug und Leistungsdruck


Einführung in die Wissenschaftstheorie

Betrug in der Wissenschaft – wissenschaftlicher Betrug – Betrug an der Wissenschaft

Wie verhalten sich Wissenschaft und Betrug zueinander?

  1. Wissenschaft contra Betrug

    Wissenschaft und Betrug schließen einander kategorisch aus. Wissenschaft überwindet langfristig jeden Betrug.
  2. Betrug in der Wissenschaft

    Betrug findet in der Wissenschaft statt – aber nur an ihrer Peripherie und durch einzelne.
    Der „Kern“ der Wissenschaft (methodischer Zweifel, Selbstkontrolle) bleibt davon unangetastet und führt immer wieder zu Entlarvung des Betrugs.
  3. Wissenschaftlicher Betrug

    Betrug findet in der Wissenschaft als solcher statt, nicht nur „am Rande“. Die Kontrollmechanismen der Wissenschaft versagen aus internen Gründen (Informationsexplosion, institutionelle Immunisierungen)

Begriffliche Vorklärung

Was ist Wissenschaft?
Wissenschaft ist menschliches Handeln, und zwar der Versuch durch methodisches Vorgehen gerechtfertigte wahre Überzeugungen (Wissen) zu gewinnen. Nämlich im Hinblick auf bestimmte Gegenstände an denen sich unter bestimmten Randbedingungen bestimmte Zustandsänderungen zeigen.
Wissenschaft besitzt einen doppelten Wert. Zum einen ist die Wissenschaft als Suche nach Wissen ein Wert in sich selbst; weiterhin liefert Wissenschaft als erfolgreiche Suche nach Wissen einen Wert/Nutzen.

Was ist Betrug?
Das Strafrecht definiert den Begriff „Betrug“ als Vorspiegelung falscher Tatsachen oder Unterdrückung wahrer Tatsachen, die zu einem Irrtum führt. Ein Betrug erfolgt vorsätzlich, verschafft dem Betrügenden einen Vorteil, schädigt Dritte und verstellt dritten den Zugang zur Wahrheit.
Beim Betrug in der Wissenschaft ist zwar Vorsatz gegeben, aber mindestens ein anderes Merkmal fehlt. Unterschied zum einfachen wissenschaftlichen Irrtum: Dort fehlt das Merkmal des Vorsatzes!
Beispiel: René Blondlots N-Strahlen: 1903 entdeckt, 1904 in der Wissenschaft verbreitet, aber wissenschaftliche (Selbst-)Täuschung fliegt kurz darauf auf; Selbsttäuschung auf Basis von Beobachtungen unter falschen Voraussetzungen

Anwendung auf einzelne Modelle:
In der Wissenschaft nimmt Betrug verschiedene Formen an. Eine Möglichkeit ist der Betrug ohne Absicht sich oder einem Dritten einen Vorteil zu verschaffen. Bestes Beispiel hierfür ist die sogenannte „Sokal-Affäre“. (absichtliche Täuschung des wissenschaftlichen Betriebs durch Verbreitung von „elegantem Unsinn“, d.h. er veröffentlichte Papiere, die überfrachtet mit übermäßig „wissenschaftlichen“ Begriffen waren um damit in der Fachwelt für Aufsehen zu sorgen . Er verfolgte damit eine aufklärerische Intention um gewisse Mechanismen im internationalen wissenschaftlichen Betrieb zu entlarven).
Eine andere Form des Betrugs verfälscht absichtlich für Dritte den Zugang zur Wahrheit (z.B. Klaudios Ptolemaios kopiert Beobachtungen anderer Sternbeobachter).

Der Wissenschaftliche Betrug
Beim wissenschaftlichen Betrug wird die Existenz von bestimmten Gegenständen zwar behauptet, aber nicht bewiesen. Dies impliziert auch falsche Angaben über Rahmenbedingungen und Zustandsänderungen. Als Beispiel hierfür dient die haltlose Behauptung, dass eine Erfindung/eine Erkenntnis vollbracht wurde (Fallgesetze des Galileo Galilei, die unter irdischen Rahmenbedingungen nicht in der Form, wie er sie beschreibt, durchgeführt beobachtet werden können.). In Bezug auf die wissenschaftliche Erhebung von Daten tritt dies im Besonderen in der Veränderung und Schönung von Zahlen statt.
In der Wissenschaft tut sich nun ein Dilemma auf:

„Wissenschaft ist die Suche nach Wahrheit“
und
„Wissenschaft ist als menschliches Handeln dessen kontingenten Bedingungen unterworfen (Mittelknappheit und Leistungsdruck)“:

Broad & White beschreiben die These, dass bei zunehmender Professionalisierung und gleichzeitiger Mittelknappheit das Ziel des Profits zunehmend in Konkurrenz zum Wahrheitsideal der Wissenschaft tritt. Eine Weiterführung dieser These kann auf zweifache Weise geschehen:
Zum Einen besteht die Möglichkeit Inhalte zu beeinflussen, was meist als einseitige Bekämpfung bzw. Unterstützung bestimmter Ideen und ihrer Vertreter/-innen geschieht. (z.B. Semmelweis 1818-1865 wird angeblich von Kollegen ausgeschaltet)
Zum Anderen können Ziele beeinflusst werden, indem einseitig die wissenschaftspolitische Betonung des Nutzens von Wissenschaft gegenüber dem Eigenwert von Wissenschaft betont wird.

These: Diese Beeinflussung erzeugt den Druck zur Leistungsvortäuschung, der zu den erwähnten Formen wissenschaftlichen Betrugs kommen kann.
Studiengebühren/Studienbeiträge
Die Einführung der Studiengebühren entwickelte sich ähnlich wie das Aufkommen der N-Strahlen als allgemein verbreitete Selbsttäuschung. Der Studienbeitrag soll nicht in Form eines monetären Beitrags erfolgen, sondern als wissenschaftlicher Beitrag zu Bildung und Forschung. Die Einheit von Forschung und Lehre wird besser gefördert durch aktive Mitarbeit und dem eigenen Einbringen eines „Wertes“/eines wertvollen Engagements, als durch finanzielle Aufwendungen!
Es wird kritisiert, dass Professoren in ihrer freien Entfaltung gehindert werden, da sie im Zuge des Bachelor/Master-Systems einen großen Teil ihrer Zeit für Verwaltungsprozesse aufwenden müssen.

1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…
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