Dienstag, 17. November 2009

Demo-Rede von Matthias

Unser Kommilitone Matthias hat auf der Kundgebung vor der Demonstration eine Rede gehalten, die wir hier natürlich auch veröffentlichen wollen.



Liebe Mitdemonstrierende,

Sokrates oder Kant würden den gegenwärtig wuchernden Elite-konzeptionen und Exzellenzclustern wohl nur Hohn lachen können. Verstanden sie doch Bildung als die Befähigung der Menschen zur Selbstreflexion, als Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit; und die Vernunft als das Vermögen, welches allen Menschen gleichermaßen von Natur aus zuteil wurde und worin letztlich das aufklärerische Gleichheitspostulat der Menschen gründet – keine Exzellenzforderungen. Die Idee der Gleichheit der Menschen, Erbstück der französischen Revolution und Ergebnis schwieriger sozialer Kämpfe und längst Teil unserer Verfassung und unseres heute behaglichen, demokratischen Verständnisses, diese erkämpfte formal-juristische Gleichheit sucht vergeblich nach ihrer Entsprechung in der der konkreten Wirklichkeit, wo bekanntermaßen der formalen Gleichheit der Bildungschancen keineswegs der reale Anteil der Ungelernten-, Facharbeiter- u niederen Angestelltenkinder an den Gymnasiasten, geschweige denn an der Studentenschaft entspricht. Die dabei wirkenden und soziologisch untersuchten Mechanismen werden dabei ignoriert: diese sind kulturelles Kapital, klassen-spezifischer Habitus oder eine Begabungsideologie, welche bei erfolgreichen Akademikerkindern eine angeborene Intelligenz sehen will, welche Migrantenkindern scheinbar nicht mit in die Wiege gelegt worden wäre. Dabei ist das Elternhaus die statistisch maßgeblichste Determinante für Bildungserfolgt! Das Argument des „jeder-könne-es-heute-schaffen, wenn er nur wolle“ ist schlicht naiv und bloße Reproduktion der herrschenden individualistischen Leistungsideologie, welche das Gesellschaftliche am Menschen verleugnet.

Bildung bedeutet nicht Ausbildung, sonst bräuchten wir ja auch keinen eigenen Begriff dafür. Bildung ist in erster Linie Erlernen von Mündigkeit, von Freiheit und dem Umgang damit, kritische Selbstbestimmung, Fähigkeit  zu Mitbestimmung und zu Solidarität. Davon hört man an Schulen und Universitäten leider wenig.
Dafür umso mehr von Humankapital, Kompetenzerwerb und der Employability von Studiengängen. Das sind die Zauberworte, welche den Wissenschaftsministern von den Chefköchen der Bolognese-Reform eingesäuselt werden – dazu gehören zuvorderst der mächtige Bertelsmanns-Konzern mit seinem CHE-Ranking, studienkreditvergebende Banken und Interessenvertreter der Wirtschaft.
Die Verschulung des Studiums bedeutet zuvorderst eine Entmündigung der Studenten, der selbstverantwortliche Umgang mit Freiheit wird nicht mehr gelernt, wozu auch? klare Regeln und Sanktionen in der Schule, klares Kommando im Unternehmen, weshalb sollte man zwischen Schule und Unternehmen, für die kurze Zeit des Studiums dazwischen also, noch Möglichkeiten der Selbstbestimmung gewähren, wenn diese ja doch nur temporär auf ein paar Jahre begrenzt, also aufs Ganze betrachtet illusionär, und zudem uneffektiv sind? – ist das Zynismus oder entwaffnende Offenheit? auf jeden Fall ist es Fakt. Das Studium wird so zu einer Einübung in den Gehorsam aufs Kommando, zu einer Einübung in die Konformität - eine der zentralen Schlüsselkompetenzen für aufstrebende Geister, die so früh wie möglich gelernt werden sollte.

Wo die Grundlagen zur Selbstbestimmung erst einmal erfolgreich abgebaut wurden, ist aber auch keine Mitbestimmung mehr möglich, geschweige denn ein Interesse danach zu erwarten. Denn die Fähigkeit zur Mitbestimmung hat ja gerade zu ihrer Voraussetzung: eine gebildete Persönlichkeit! Also: ohne gelernte Selbstbestimmung, keine Möglichkeit zur Mitbestimmung, und wo keine Mitbestimmung mehr eingefordert wird, da werden demokratische Strukturen scheinbar zurecht abgebaut, legitimiert nur durch eine zuvor entmündigte und entpolitisierte Studierendenschaft, die auch kein Bedürfnis nach Mitbestimmung mehr kennt. Die verfasste Studierendenschaft und paritätische Gremienbesetzungen wurde in Bayern in den 70er Jahren abgeschafft, nachdem der damalige Bildungsprotest abgeklungen war – wir fordern sie zurück!

Die so genannte „Ökonomisierung von Bildung“ und sämtlichen anderen Bereichen der Lebenswelt ist längst zur Floskel geworden. Mittlerweile wird durch solche Rede eher vertuscht, was damit kritisiert werden sollte. Dass Bildungsprozesse auch bisher nicht außerhalb ökonomischer Verwertungszusammenhänge abliefen, darüber sollte man sich keine Illusion machen – nur dass dies nun auf die Bildung selbst zurückschlägt, auf die Inhalte, d.h. nur noch Ausbildung ist.

Das häufigste Argument, das im Vorfeld der Proteste in den bürgerlichen Medien oft zu vernehmen war, nämlich dass eine gute und gerechte Bildung notwendig für die deutsche Volkswirtschaft wäre, die ja sonst keine Rohstoffe habe, ist entschieden abzulehnen, weil solche Argumentation sich verheddert. Nicht nur das dieses Argument wirtschaftlichen Nationalismus begünstigt; man gelangt mit solchem Argument schnell dort an, wo man trotz aller idealistischen Rhetorik nicht hin wollte: nämlich dass die geistige Investition sich wieder rentieren solle; nicht mal bloß fürs eigene Interesse, sondern unter scheinbar selbstloser Bezugnahme auf die Nation. Bildung wird auch hierbei nur zu einem Decknamen für Kapital, dessen Verwertung in den Protesten kurzzeitig verweigert wird, um der Gegenseite Zugeständnisse abzupressen!

Dabei ist die kapitalistische Ökonomie längst zum Selbstläufer geworden. Die ursprüngliche Funktion der Ökonomie, die Knappheit an Gütern für ein gutes Leben bereitzustellen und zu produzieren, ist abhanden gekommen. Ökonomie scheint nicht mehr für den Menschen da zu sein, sondern der Mensch für die Ökonomie; dieser ist zum bloßen Anhängsel des Kapitals geworden. Die Zweck-Mittel-Relation wurde vertauscht. Dem Profit gilt heute mehr öffentliche Sorge als den Sorgen derjenigen, die ihn erwirtschaften. Die einzige Rationalität der Gesellschaft ist die instrumentelle Zweckrationalität, doch die Zwecke selbst sind dabei höchst irrational. Wirtschaftswachstum, das keine Grenzen kennt, lautet die Losung, glaubt man Fr Merkel und Wirtschaftsminister Brüderle. Mehr Wachstum schafft mehr Arbeitsplätze – das mag sein, kurzfristig betrachtet. Doch wo bleiben die langfristigen Ziele? Gibt es solche noch? Das Wachstum stößt mittlerweile schon auf Grenzen, vor allem auch ökologische Grenzen. Seit einem Jahr, dem Beginn der Wirtschaftskrise, sind die CO2-Emissionen deutlich zurückgegangen – Die Krise: Fluch oder Segen? kann die Widersprüchlichkeit dieser Gesellschaft noch offensichtlicher werden?

Wenn unproduktives Eigentum und Geld sich selbst vermehren, nennt man das Kapital; wenn Körperzellen sich unkontrolliert vermehren, Hypostasen bilden und beim Wachstum keine Grenzen mehr kennen, nennt man das Krebs. Dabei mögen die Stoffwechselprozesse in den Zellen höchst zweckrational ablaufen, also dem Wachstum instrumentell und dienlich sein, doch der Zweck selbst, wofür sie das tun, wird dadurch nicht vernünftiger, nicht humaner!

Der Grund für die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft und für die Ausbeutung der Natur ist dabei der gleiche: der Profit. Nur dass man für Kritik am Klimawandel heute mehr Aufmerksamkeit bekommt und von sozialen Kämpfen keiner mehr was wissen will. Das ist fatale Geschichtsvergessenheit, wobei verdrängt wird, dass der moderne Sozialstaat (heute von Krankenversicherung bis BAFöG und Arbeitsschutzgesetzen) sich nicht automatisch eingestellt hat, sondern das Ergebnis von historischen Klassenkämpfen der Arbeiterbewegung und Gewerkschaften ist.

Viele trauen sich heute keine Kritik am Ganzen zu äußern, und nehmen für ihren Geschmack „zu linke“ Kritik nicht Ernst, weil sie meinen, man müsste auch immer wissen, wie es besser ginge. Doch damit wird dem Denken eine Zensur auferlegt, die nur das Positive und Konstruktive gelten lassen will. Das scheint für die verändernde politische Praxis zunächst auch durchaus nachvollziehbar zu sein. Doch wirkt sich die Selbstzensur des Denkens auch auf die Theorie und das bloße Begreifen der Wirklichkeit aus, so dass man das Falsche deshalb schon gar nicht mehr sich zu erkennen traut, weil man kein praktisches Gegenrezept hat. Die Ratlosigkeit im Praktischen ändert aber leider nichts an den Übeln des Gegebenen, welche es erst einmal zu erkennen gälte, als notwendige Voraussetzung für Veränderung. Das Denken sollte vor der Praxis, nicht nachher kommen. Vermeiden wir den Fehler vorschnell zur konstruktiven Politikberatung überzugehen ohne vorher kraft der Negation die Wurzel des Übels erkannt zu haben.
Verkürzt ausgedrückt: ich muss doch keine politischen Eier legen können, um zu wissen, dass eines faul ist!

Das sehen manchmal sogar hochrangige Repräsentanten des Staates ein, wie zum Beispiel Böckenförde, langjähriger Verfassungsrichter, der in der SZ einen einseitigen Artikel über die Aktualität des Kommunistischen Manifestes veröffentlichte, und Marx als vorausdenkenden Analytiker der kapitalistischen Globalisierung qualifizierte. Wenn die Krise am schwersten ist, liest man selbst in der bürgerlichen Presse von Kapitalismuskritik, dann hoffen selbst die Staatstragendsten auf die rettende Kraft der negativen Kritik, die das Falsche aufzeigt – jedoch nur, um anschließend bei steigenden Wachstumszahlen wieder um so schneller zu verstummen.

Einer der bedenklichsten Punkte des globalen Kapitalismus mit seiner massenmedialen Animation ist dabei der, dass er für die Erzeugung von Ohnmachtsgefühlen in den Individuen sorgt. Die Übermacht der sozialen Verhältnisse über die einzelnen Menschen, die Macht der Institutionen und Organisationen, von Staat und Wirtschaft mit ihren komplexen und diffizilen Strukturen und Regelwerken, stehen dem Einzelnen mit seinen spontanen Regungen und humanen Bedürfnissen übermächtig gegenüber und erzeugen in einer total verwalteten Welt immensen sozialdarwinistischen Anpassungsdruck, bringen jeden Idealismus im Keim zum Ersticken und lassen Engagement als verschwendete Zeit erscheinen.

Unter dem Druck zur Selbsterhaltung geht das Selbst, dasjenige, was eigentlich erhalten werden soll, verloren. Wer sich nicht ins notwendig falsche Bewusstsein, in die Ideologie der herrschenden Verhältnisse stürzt, welche den status quo rechtfertigt und aufrechterhält - Kulturindustrie miteinbezogen - erfährt schnell innere Leere, Ausgelaugtheit, Burn-Out oder gar Depression. Die täglich von Unzähligen gemachte Erfahrung der „erlernten Hilflosigkeit“ zeigt sich in Haltungen wie „da kann man ja doch nichts dagegen machen“ oder in einem resignierten Menschenbild „der Mensch ist nun mal schlecht - wahlweise: gierig oder egoistisch“. Ein derartig ideologisches Bewusstsein ist dabei kaum fortschrittlicher als das mittelalterliche, theokratisch-universalen Menschenbild, welches besagt, dass der Mensch seit dem Sündenfall schlecht sei, und deswegen durch einen Herrgott gezüchtigt und gegebenenfalls begnadigt werden müsste. In säkularisierter und unhistorischer Form heißt das heute - glaubte man den Verblendeten, die solches zum Besten geben: die menschliche Faulheit muss durch die Konkurrenz gezüchtigt werden, dem Herrgott entspricht der Arbeitsmarkt, und begnadigt wird, wer es versteht sich selbst zu vermarkten und stromlinienförmig genug ist. Das ist tiefstes Mittelalter!

Was bringt da eine Demo? Bewusstseinschaffung, praktische Erfahrung, die uns selbst verändert, die uns mit Motivation und Argumentationen versorgt für die Konflikte. Deshalb ist es wichtig, dass sich der Kreis der protestierenden ausdehnt. Demonstrationen bieten vor allem auch die Möglichkeit für andere, bisher unerfahrene, mitzumachen, sich anzuschließen, ihr Bewusstsein zu bilden. denn es sind die Kämpfe, die gesellschaftlichen Kämpfe um die kleinen Verbesserungen und die Praxis der Selbstorganisation, in denen das Bewusstsein erst gebildet wird, in denen das Bewusstsein für die Notwendigkeit umfassenderer gesellschaftlicher Veränderungen erst entsteht und in der das Bewusstsein die Erfahrung der „erlernten Hilflosigkeit“ wieder verlernt, abstreift und sich emanzipiert!

Wenn bei Euch, liebe Schülerinnen u Schüler demnächst die Studien- oder Berufswahl ansteht, habt Ihr eine wichtige Entscheidung vor Euch.
Sucht Ihr Euren Platz in der Wirtschaft, in der direkten Kapitalverwertung und Profitgewinnung, oder im Staatsdienst und der Verwaltung, wo die Rahmenbedingungen jener Wirtschaftsprozesse aufrechterhalten werden? Wollt Ihr erst an einer Hochschule studieren, dann erwartet Euch nicht zu viel vom Studium, mit welchem man einst Selbstbestimmung, Freiheit, kritisches Denken assoziiert hat. Solltet Ihr solches suchen, dann organisiert Euch selbst! In Gruppen, autonomen Seminaren oder studentischen Initiativen – wer Gleichgesinnte sucht, der findet auch welche. Doch vor allem, lasst Euch nicht alles gefallen, behaltet Euren Unmut nicht für Euch, organisiert den Protest! Demokratie lebt von der Meinungsverschiedenheit!

Schavan, Kultus- und Wissenschaftsminister haben sogar Verständnis für die Proteste.
Als Konsequenz des Bildungsstreikprotests im Sommer hat die HRK im Herbst bereits einen
Beschluss gefasst, in dem sie die Wissenschaftsminister der Länder dazu auffordert, die Bachelor Studienzeiten auf 8 Semester auszudehnen. bereits jetzt weißt Schavan die Wissenschaftsminister an, die Finanzierung der Hochschulen zu verbessern. Doch Lippenbekenntnisse nützen uns nichts.
Für uns kann das nur bedeuten, nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben:

Wir fordern:
  • die Abschaffung von Studiengebühren und die gesetzlich verankerte Gebührenfreiheit von Bildung!
  • Abschaffung des Hochschulrats
  • die Abschaffung jeglicher Diskriminierung gegenüber ausländischen Studierenden!
  • Eine Schule für Alle
  • Viertelparität in den Hochschulgremien!
  • die Beendigung prekärer Beschäftigungsverhältnisse im Bildungsbereich!
  • die Förderung aller Studierenden statt einseitiger Elitenbildung!
Unsere Solidarität gilt heute allen Protestierenden an sämtlichen Hochschulen und in sämtlichen Städten, die begriffen haben, dass bessere Bildung und eine gerechtere Gesellschaft nicht erbettelt werden, sondern erkämpft!

1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wahnsinns Rede!!!!!
Ich finde es klasse was ihr da macht! Weiter so!!!

Kommentar veröffentlichen